Der Neoliberalismus hat uns eingeredet, der Markt könne alles regeln. Nun regelt er, wer sich ein menschenwürdiges Leben leisten darf, wie viel Natur für den nächsten Quartalsgewinn geopfert wird und wie lange wir uns die Zerstörung unserer eigenen Lebensgrundlagen noch schönreden können.
Was für eine geniale Geschäftsidee: Man nehme alles, was Menschen zum Leben brauchen, erkläre es zur Ware und überlasse den Zugang dazu dem Markt. Wohnen? Ein Investment. Gesundheit? Ein Geschäftsmodell. Pflege? Ein Kostenfaktor. Bildung? Humankapital. Wasser? Eine Ressource. Wälder? Holzvorräte. Tiere? Produktionsmittel. Und die Erde? Ein Selbstbedienungsladen für Leute, die sich für reich genug halten, um auch noch die Zukunft zu verscherbeln. Der Neoliberalismus hat aus einer wirtschaftspolitischen Ideologie eine Ersatzreligion gemacht. Der Markt gilt als allwissend, der Wettbewerb als moralische Instanz und der Profit als göttlicher Offenbarungsbeweis. Wer reich wird, hat offenbar alles richtig gemacht. Wer arm bleibt, hätte sich eben besser vermarkten sollen. Und wer sich keine Wohnung leisten kann, hat womöglich versäumt, rechtzeitig in Immobilien zu investieren, statt törichterweise darin leben zu wollen. Der Mensch ist schließlich nicht auf der Welt, um zu leben. Er ist auf der Welt, um wirtschaftlich verwertbar zu sein. Solange er arbeitet, konsumiert, Steuern zahlt und seine Kaufkraft nicht vollständig verliert, darf er sich als wertvolles Mitglied der Gesellschaft betrachten. Wird er krank, alt, arbeitslos oder arm, wird aus dem Menschen ein Kostenfaktor. Dann entdeckt die Gesellschaft ihre große Leidenschaft für Eigenverantwortung. Besonders gern predigen sie jene, deren Vermögen längst dafür sorgt, dass sie die Folgen ihrer eigenen Entscheidungen nicht mehr selbst tragen müssen. Geht ein Konzern baden, zahlt die Allgemeinheit die Rettung. Geht ein Mensch baden, erklärt man ihm das Schwimmen zur Eigenverantwortung. Verluste werden sozialisiert, Gewinne bleiben privat. Die einen kassieren Dividenden, die anderen dürfen die Scherben bezahlen. Und wenn der Staat anschließend Geld für Schulen, Krankenhäuser, Pflege oder den öffentlichen Nahverkehr braucht, heißt es, man könne schließlich nicht über seine Verhältnisse leben. Offenbar gilt diese Weisheit nur für Menschen,nicht für Geschäftsmodelle,die ihre Gewinne privatisieren und ihre Katastrophen beim Steuerzahler abladen. Die eigentliche Unverschämtheit besteht darin, dass die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse von der Zahlungsfähigkeit abhängig gemacht wird. Wer Geld hat, bekommt Versorgung. Wer keines hat, bekommt Ratschläge. Der Mensch darf frei zwischen Angeboten wählen, die er sich nicht leisten kann, und sich anschließend über seine mangelnde Wettbewerbsfähigkeit wundern. Das nennt sich Marktfreiheit. Die Freiheit des Verdurstenden, zwischen verschiedenen Wasserpreisen zu wählen, ist offenbar der Gipfel zivilisatorischen Fortschritts. Aber warum sollte ausgerechnet das Wohnen ein Grundrecht auf ein menschenwürdiges Leben sein, wenn es sich doch so hervorragend als Anlageobjekt eignet? Warum sollte ein Krankenhaus Kranke behandeln, wenn es zugleich Gewinne erwirtschaften soll? Warum sollte Pflege sich an den Bedürfnissen alter Menschen orientieren, wenn sich mit weniger Personal höhere Renditen erzielen lassen? Und warum sollte Bildung Menschen befähigen, wenn sie sich auch als Investition in die Verwertbarkeit künftiger Arbeitskräfte betrachten lässt? Der Zynismus liegt nicht darin, dass jemand solche Fragen stellt. Er liegt darin, dass eine Gesellschaft sie nach betriebswirtschaftlichen Kriterien beantwortet und das Ergebnis anschließend Sachzwang nennt. Doch der Markt macht nicht vor der Wohnungstür halt. Er macht auch nicht vor dem letzten Baum halt, vor vergiftetem Grundwasser, zerstörten Lebensräumen oder einer Atmosphäre, die unsere Abgase nicht einfach verschwinden lässt. Der Turbo-Kapitalismus kennt keine natürliche Grenze, die er nicht wenigstens noch als Geschäftschance betrachten könnte. Wo ein Wald steht, sieht er Holz. Wo ein Moor Wasser speichert und Kohlenstoff bindet, sieht er ungenutzte Fläche. Wo ein Ökosystem das Leben sichert, sieht er einen Posten, dessen wirtschaftlicher Nutzen sich gefälligst in Geld ausdrücken soll. Was keinen Preis hat, zählt nicht. Was sich kostenlos ausbeuten lässt, darf offenbar kostenlos zerstört werden. Und wenn die Schäden schließlich Milliarden kosten,werden sie als überraschende Belastung der Allgemeinheit verbucht.Die Gewinne landen auf privaten Konten,die Kosten bei uns allen. Das ist keine Fehlfunktion des Systems. Es ist eine seiner bequemsten Geschäftsgrundlagen. Ein Wald ist in dieser Logik wertvoll, wenn man ihn abholzen kann. Seine Fähigkeit, Wasser zu speichern, Böden zu schützen, Kohlenstoff zu binden und unzähligen Arten Lebensraum zu bieten, erscheint erst dann auf der Rechnung, wenn sein Verschwinden teuer wird. Ein zerstörtes Ökosystem ist kein wirtschaftlicher Verlust, solange sich mit seiner Zerstörung noch Geld verdienen lässt. Und selbst die Klimakatastrophe wird zur Geschäftschance, sobald sich mit ihren Folgen neue Märkte erschließen lassen. Der Brandstifter entdeckt das Versicherungsgeschäft und präsentiert sich anschließend als Innovationsführer im Risikomanagement. Die Natur ist allerdings kein Unternehmen, das man nach einem schlechten Quartal restrukturieren kann. Sie lässt sich nicht durch eine neue Geschäftsführung ersetzen, nicht durch eine Imagekampagne beruhigen und nicht durch eine Pressemitteilung darüber besänftigen, dass man ökologische Herausforderungen als Chancen begreife. Die Atmosphäre verhandelt nicht mit Vorständen. Ausgestorbene Arten lassen sich nicht durch eine Sonderdividende zurückholen. Und ein zerstörtes Ökosystem akzeptiert keine Entschuldigung, nur weil sie von einer Kommunikationsagentur in nachhaltiges Wording verpackt wurde. Die Erde ist kein Rohstofflager mit angeschlossenem Lebensbetrieb. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass es überhaupt Menschen gibt, die Rohstoffe fördern, Unternehmen gründen, Eigentum besitzen und Börsenkurse feiern können. Wer diese Grundlagen zerstört, ist nicht besonders unternehmerisch. Er betreibt Insolvenzverschleppung im planetaren Maßstab und lässt die Rechnung einer Menschheit zukommen, die an den Gewinnen dieses Geschäfts nicht einmal beteiligt war. Währenddessen erklärt man uns, es gebe keine Alternative. Der Sozialstaat müsse sparen, Beschäftigte müssten verzichten, Rentner müssten länger arbeiten, Krankenhäuser müssten wirtschaftlicher werden und Kommunen müssten eben Prioritäten setzen. Nur die Rendite darf offenbar niemals verzichten. Sie ist das einzige Grundbedürfnis, das in dieser Gesellschaft als unveräußerlich gilt. Der Mensch soll bescheiden sein, damit das Kapital unbescheiden bleiben kann. Die Natur soll sich regenerieren, damit die Wirtschaft weiterwachsen kann. Und die Zukunft soll bitte Verständnis dafür haben, dass ihre Lebensgrundlagen bereits heute verplant werden. Das ist die große politische Leistung des Neoliberalismus: Er hat Entscheidungen als Sachzwänge verkleidet. Was politisch gewollt ist, erscheint plötzlich wirtschaftlich notwendig. Was sich ändern ließe, wird zum angeblichen Naturgesetz erklärt. Und wer widerspricht, gilt als naiv, rückwärtsgewandt oder wirtschaftsfeindlich. Als wäre eine Wirtschaft, die ihre eigenen Voraussetzungen zerstört, der Inbegriff wirtschaftlicher Vernunft.Die Ideologie ist dabei so dreist,dass sie ihre Opfer auch noch zu Schuldigen erklärt.Wer arm ist,hat falsch entschieden.Wer krank ist,kostet zu viel.Wer keine Wohnung findet,hat zu wenig geboten. Wer unter den Folgen der Klimakrise leidet,muss sich anpassen. Und wer fragt, warum die Profiteure dieses Systems nicht endlich einen angemessenen Teil der Kosten tragen, gefährdet angeblich den Wohlstand. Gemeint ist natürlich nicht der Wohlstand aller, sondern vor allem jener, die es sich leisten können, über den Zustand der Welt aus einer klimatisierten Vorstandsetage nachzudenken. Dabei ist eine Wirtschaft kein Selbstzweck. Sie soll Menschen versorgen, gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und ein Leben in Würde sichern. Sie ist ein Werkzeug, kein Gott. Doch wir haben eine Ordnung geschaffen, in der das Werkzeug seinen Zweck diktiert und die Menschen sich vor ihm rechtfertigen müssen. Nicht mehr die Wirtschaft soll dem Leben dienen. Das Leben hat der Wirtschaft zu dienen. Der Mensch ist nicht länger Maß aller Dinge, sondern Kostenstelle im Betriebsablauf seiner eigenen Gesellschaft. Und wenn am Ende die Wohnungen unbezahlbar, die Pflege unerschwinglich, die Böden ausgelaugt, die Arten verschwunden und die Lebensgrundlagen beschädigt sind, wird man uns vermutlich erklären, dass der Markt die richtigen Signale gesendet habe. Wir hätten sie nur falsch interpretiert. Vielleicht hätte man früher investieren müssen. In Wasser. In saubere Luft. In bezahlbaren Wohnraum. In eine bewohnbare Zukunft. Wer konnte denn ahnen, dass Menschen und Natur nicht unbegrenzt belastbar sind? Es ist an der Zeit, diese Verkehrung beim Namen zu nennen. Wer menschliche Grundbedürfnisse der Spekulation ausliefert, soziale Sicherheit zur Ware macht und die Natur für kurzfristige Profite verschleißt, vertritt keine unveränderliche ökonomische Wahrheit. Er vertritt eine politische Ideologie. Und diese Ideologie ist weder alternativlos noch unschuldig. Sie hat Gewinner, sie hat Verlierer, und sie hat Verantwortliche. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir uns Menschlichkeit, soziale Sicherheit und den Schutz unserer Lebensgrundlagen leisten können. Die Frage lautet, wie lange wir uns noch eine Wirtschaftsordnung leisten wollen, die all das gefährdet. Wie lange wir uns einreden lassen, es sei vernünftig, die Welt zu ruinieren, solange sich die Ruinierung rechnet. Wie lange wir eine Ideologie als Sachzwang akzeptieren, die uns erst das Leben verteuert und anschließend die Mittel zu seiner Bewahrung streicht. Denn Geld kann vieles kaufen. Aber keine zweite Erde. Keine ausgestorbene Art zurück. Keine beliebig erneuerbare Lebensgrundlage. Und auch keine Gesellschaft, in der Menschenwürde nur noch für jene gilt, deren Kontostand sie wirtschaftlich rechtfertigt. Der Kapitalismus verkauft die Zukunft, um den Gewinn von heute zu steigern. Der Neoliberalismus nennt das Freiheit. Die Konzerne nennen es Wachstum. Die Politik nennt es Sachzwang. Und wenn am Ende die Rechnung kommt, soll die Allgemeinheit bezahlen. Was für ein Geschäftsmodell. Was für eine Ideologie. Was für ein Verbrechen am Leben. Ende Gelände...