149
wemeze
wemeze

Man hat uns den Sozialstaat nicht etwa abgewöhnt, man hat ihn uns ausgetrieben wie ein lästiges Gewissen, und die Exorzisten hießen Margaret Thatcher, Ronald Reagan und Helmut Kohl, die mit der Gravität historischer Notwendigkeit predigten, dass Solidarität leider ein Standortnachteil sei. ⬇️

Seitdem gilt als aufgeklärt, wer Armut für ein individuelles Missverständnis hält und Reichtum für eine Naturgewalt, gegen die anzukämpfen ungefähr so sinnvoll erscheint wie gegen die Schwerkraft.⬇️ Man erklärte uns,der Sozialstaat sei ein Moloch, der Leistung fresse,und verschwieg dabei, dass die einzige Leistung, die tatsächlich verschwand,jene war,die sich nicht in Dividenden ausdrücken ließ. Die Gewinne hingegen entwickelten sich mit bewundernswerter Disziplin nach oben, während man unten⬇️ lernte, dass Verzicht eine Tugend sei, allerdings nur für jene, die ihn sich nicht leisten können. Dass ausgerechnet Konzerne und Vermögende die großen Gewinner dieser moralischen Rosskur wurden, gilt bis heute als ökonomische Pointe, über die ausschließlich jene lachen, die sie verursacht haben.⬇️ Und nun steht Friedrich Merz bereit, mit der Gelassenheit eines Mannes, der nie befürchten musste, selbst zum Gegenstand seiner Politik zu werden, um den Rest dessen abzuräumen, was noch an sozialstaatlicher Infrastruktur herumsteht wie ein Mahnmal aus einer Zeit, ⬇️ in der man glaubte, ein Gemeinwesen habe mehr Aufgaben als die Verwaltung von Renditeinteressen. Wettbewerbsfähigkeit heißt das Zauberwort, das jede Kürzung heiligt und jeden Einschnitt zur patriotischen Pflicht verklärt, selbst wenn die Zahlen längst eine andere Sprache sprechen und nur noch ⬇️ aus Höflichkeit ignoriert werden. Der Clou dieser Entwicklung ist jedoch nicht die Dreistigkeit ihrer Architekten,sondern die Zuverlässigkeit ihrer Kundschaft.Man hat es geschafft,dass Menschen gegen ihre eigenen Interessen stimmen und dies auch noch für Ausdruck von Vernunft halten,weil man ihnen⬇️ jahrelang eingeredet hat, sie seien selbst schuld, wenn sie nicht zu den Gewinnern gehören. Der Bürger als Selbstbeschuldigter im großen Prozess gegen die soziale Gerechtigkeit, der sich am Ende noch bedankt, dass man ihm die Illusion genommen hat, er könnte ein Recht auf etwas haben. ⬇️ Und so marschiert man weiter, geschniegelt und überzeugt, in eine Zukunft, in der selbst Mitgefühl nur noch dann akzeptabel ist, wenn es sich amortisiert, und in der der Mensch endgültig zu dem wird, was man ihm so lange eingeredet hat: ⬇️ eine Kostenstelle mit Stimmrecht, das er zuverlässig gegen sich selbst ausübt. ENDE

1 / 1

Share this Page