Es macht mich wütend, dass es mal wieder diejenigen trifft, die keine Kraft und Zeit übrig haben, um sich zu wehren, schreibt taz-Autorin Dunja Batarilo.
Etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland sind derzeit pflegebedürftig, die Kurve geht so steil nach oben wie das Milliardendefizit der Pflegekassen. Also muss gespart, Pardon, „neu geordnet“ werden. Da rund vier von fünf Pflegebedürftigen in Deutschland zu Hause versorgt werden, heißt das: Es trifft diejenigen, die pflegen. Also in den allermeisten Fällen die Töchter, Ehefrauen, Mütter, Schwestern. Diese Frauen sind der größte – und billigste – Pflegedienst unseres Landes. Nicht wenige von ihnen schlittern mit Vollgas in die Altersarmut, weil Lohnarbeit in ihrem Alltag schlicht unmöglich ist. Schließlich kann daheim jeden Moment jemand aus dem Bett fallen oder umkippen oder aufhören zu atmen. Wenn andere ins Kino gehen – oder auch auf Demos, um sich für das einzusetzen, was ihnen wichtig ist –, dann sitzen sie vorm Rechner und legen zum dritten Mal Widerspruch bei der Pflegekasse ein. Weil sie den Menschen lieben, den sie versorgen, und weil sie wissen: Es tut niemand außer mir. „Verhinderungspflege“ ist (noch!) dazu da, Pflegende zu entlasten. Eine richtig gute Sache: Rund 3.500 Euro im Jahr können pflegende Familien derzeit noch so verteilen, wie sie es brauchen. Die einen holen sich dadurch wöchentlich Unterstützung, um selbst mal zum Arzt zu gehen. Andere sparen das Budget an und stecken es zum Beispiel in die Sommerferien. Denn was, Herr Linnemann, machen Sie mit Ihrem schwerst mehrfach behinderten Kind, wenn die Schule zuhat? Herr Merz sagt, Sie sollen arbeiten gehen. Aber wer passt auf Ihr Kind auf, während Sie zum Bruttosozialprodukt beitragen? Mit der Verhinderungspflege können Sie die Oma oder Nachbarin bitten einzuspringen und ihr eine kleine Aufwandsentschädigung zahlen. Das ist super, weil diese Personen Ihr Kind kennen und die Handgriffe, die zu tun sind. Niemand muss einen Antrag stellen. So sieht Entlastung aus. Diese klug aufgesetzte Leistung wird jetzt abgeschafft. Das Geld wird auf Töpfe mit neuen Etiketten verteilt und so gut versteckt, dass es niemand mehr findet. Und den Familien weniger bringt. Die 300 Euro, die dann zum Beispiel unter dem Namen „Sozialraumbudget“ im Monat zur Verfügung stehen sollen, sind nämlich futsch, wenn sie nicht genutzt wurden. Und dabei ist egal, ob ich keinen Bedarf hatte oder ob ich einfach niemanden gefunden habe, der übernimmt. Es darf nur noch professionelle Hilfe „eingekauft“ werden. Wo soll die denn bitte herkommen? Schon mal von Pflegekräftemangel gehört? Aber machen Sie sich keine Sorgen, lieber Herr Linnemann. Die paar Frauen kriegen das schon irgendwie hin. Haben sie doch immer. Bis sie halt eines Tages wirklich nicht mehr können. Dann steht nicht nur ein Bett mehr in der Schlange zum Pflegeheim, sondern zwei. Dumm nur, dass das den Staat mehr kostet, als daheim zu pflegen. 👉️ Hier könnt ihr den ganzen Artikel von taz-Autorin Dunja Batarilo lesen: taz.de
taz.de