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Niklas Stoll
Niklas Stoll

Der Brandanschlag der #Vulkangruppe auf Energieinfrastruktur in Südberlin, der in einer Reihe ähnlicher Anschläge steht, wirft Schlaglichter auf das ökoanarchistische Denken in Deutschland und die Strategie der Sabotage, wie sie in dieser Strömung der Klimabewegung verstanden wird. Ein Thread. Am Morgen des 3.1.2026 kam es zu einem Brand an einer Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde. Seitdem sind zehntausende Haushalte in den angrenzenden Bezirken ohne Strom, und auch von der Wärmeversorgung, sogar teils vom mobilen Internet abgeschnitten. taz.de!6142611/

Brandanschlag auf Stromnetz in Berlin: Ohne Netz und Boden

taz.de

Nachdem ein solcher Hintergrund anfangs nur zu vermuten war, ist mittlerweile ein Bekennerschreiben der "Vulkangruppe" aufgetaucht, das ich, entgegen hier teils kursierender Ideen, dies sei eine russische False Flag Aktion und das Schreiben gefälscht, für authentisch halte. knack.news Dem Anschlag vom 3.1, der zehntausende Haushalte noch vermutlich bis Donnerstag ohne Strom hinterlässt, ging ein sehr ähnlicher Anschlag in Berlin-Johannisthal am 9.9.25 mit vergleichbaren Konsequenzen voraus. taz.de!6112449&s=vulkangruppe/

Stromausfall in Berlins Südosten: Polizei vermutet politisches Motiv hinter Brandanschlag

taz.de

Auch hier gab es ein ausführliches Bekennerschreiben, unterschrieben von "einigen Anarchist*innen". de.indymedia.org Davor wurde die #Vulkangruppe vor allem durch den spektakulären Anschlag auf die Stromversorgung von Teslas Gigafactory in Grünheide bei Berlin am 5.3.2024 bekannt, der einen 2-wöchigen Produktionsstopp und einen Milliardenschaden für Tesla nach sich zog. taz.de!5996893/

Anarchistische Brandleger: Die Vulkan-Phantome

taz.de

Hier das Bekennerschreiben und ein späterer Nachtrag der Gruppe. switchoff.noblogs.org de.indymedia.org Ähnliche Sabotagen werden immer wieder auch auf Bahninfrastruktur verübt, so ebenfalls letzten Juli auf eine wichtige Bahnstrecke in NRW durch das "Kommando Angry Birds". taz.de!6101578&s=vulkangruppe/ Hier findet sich das entsprechende Bekennerschreiben: de.indymedia.org Für die Bewertung der Aktionen ist uninteressant, ob es sich um dieselbe oder verschiedene Gruppen handelt. Wichtiger für eine politische Einschätzung sind die jeweiligen Begründungen, die in den Bekennerschreiben weitreichende Übereinstimmungen erkennen lassen. Von offizieller Seite wurde derartigen Ereignissen oftmals "Ökoterrorismus" vorgeworfen und eine "Unterwanderung" der (ansonsten demokratischen) Klimabewegung durch "Linksextremisten" beschworen. tagesschau.de

Anschlag auf Tesla: Faeser warnt vor Linksextremismus

www.tagesschau.de

Auch in aktuellen Medienartikeln bleiben Einschätzungen meist bei der wenig hilfreichen und probematischen (weil Hufeisen-Extremismustheorien bedienenden) Bewertung als "linksextrem" stehen. Wie aber sind die politischen Rationalitäten hinter derartigen Aktionen sinnvoller zu verstehen? Im Zuge meiner Dissertation zu staatlichen, demokratischen und transformativen Imaginarien in der deutschen Klimabewegung von 2018 bis 2024 habe ich auch das ökoanarchistische Denken und strategische Debatten um Militanz und Sabotage analysiert. Nachdem es bereits vorher Sabotagen in Deutschland, insbesondere von Braunkohleinfrastruktur gab, hat sich die Debatte um und die Praxis der Sabotage vor allem nach der Veröffentlichung von Andreas Malms einflussreichem Buch "How to blow up a pipeline" ab 2021 entwickelt und intensiviert.

Unter dem Label "Switch Off" werden Sabotagen in Deutschland und global dokumentiert und teilweise auch durchgeführt. Im entsprechenden Blog finden sich auch zahlreiche Texte, die einen guten Einblick in das ökoanarchistische Denken gewähren. switchoff.noblogs.org Dieses Denken zeichnet sich durch eine fundamentale Kritik der "industriellen Zivilisation" aus. Staat und Kapital bilden eine gewaltförmige Einheit. Kapitalismus, Kolonialismus, Rassismus, Patriarchat, ökologische Zerstörung bilden ein Unrechtssystem, gegen das Widerstand zu leisten ist. Wie in älteren marxistischen staatstheoretischen Diskussionen erscheinen Staat und Kapital als undifferenzierte, monolithische Einheit, der Staat ist lediglich der Handlanger des Kapitals, das Kapital regiert direkt und diktiert der Politik seinen Willen. Die demokratischen Institutionen stehen im Dienst dieses "Systems der Zerstörung". Veränderung auf demokratischem Weg ist eine Illusion und gezielt genährte Lüge, die stabilisieren soll. Auch die Mehrheitsgesellschaft, die Zivilgesellschaft, die Medien sind letztlich der Komplizenschaft verdächtig. Während er viel richtige Kritik an industriellem Kapitalismus, Postdemokratie, imperialer Lebensweise und deren Folgen für die Biosphäre formuliert, läuft der Ökoanarchismus in demokratischer und strategischer Hinsicht mit Aktionen wie am 3.1 in die völlig falsche Richtung. Sabotagen führen meist bestenfalls zu einer kurzfristigen Unterbrechung der „Zerstörung“. Global gesehen hat es die Strategie nicht vermocht, industrielle Prozesse großflächig zu beeinflussen, die Zerstörungen des „Systems der Zerstörung“ auf eine bedeutungsvolle, nachhaltige Weise zu verhindern. Natürlich gab es auch sinnvolle Fälle, in denen etwa Indigene in Kanada die illegitime bis illegale Abholzung ihrer Gebiete durch Militanz und Sabotagen stoppen konnten. In diesen Fällen waren aber immer auch Versuche der demokratischen Überzeugung von Öffentlichkeiten beteiligt.

Im aktuellen Fall enthält die Strategie keine realistische Perspektive gesellschaftlichen Wandels. Veränderung wird nicht durch die Gesellschaft hindurch, sondern als „Bruch“, als Konfrontation von außen, als Widerstand gedacht. Es wird nicht versucht, Menschen für eine andere Welt zu gewinnen. Bruch lässt sich letztlich nur als Revolution denken, in der momenthaft ein Gesellschaftssystem durch ein neues ersetzt wird. Das ist unter den gegenwärtigen Bedingungen im globalen Norden völlig unrealistisch und bietet keinen Pfad für die dringend notwendigen gesellschaftlichen Transformationen. Damit ist nicht gesagt, dass Konfrontation in stark vermachteten politischen Systemen, in denen legitime Anliegen im politischen System kein Gehör finden, nicht in bestimmten Situationen wichtig, sogar notwendig sein kann, um ungehörte Stimmen hörbar und demokratische Deliberation möglich zu machen.

Aber solange die ökoanarchistische Strömung sich einer Auseinandersetzung mit der Mehrheitsgesellschaft, der Notwendigkeit demokratischer Überzeugung und dem Bewegungsaufbau verweigert, wird sie nicht viel zur sozialökologischen Transformation beitragen können, ihr mit solchen Aktionen eher schaden. In meiner Dissertation rekonstruiere ich das in dieser Strömung latent angelegte, aber aufgrund ihres oberflächlichen Antidemokratismus verleugnete demokratische Denken, als „Demokratie gegen den Staat“ oder auch „rebellierende Demokratie“. blaetter.de

Deren Aufgabe wäre es, eine widerständige Zivilgesellschaft herzustellen, zu politisieren, spontane demokratische demoi zu organisieren, die demokratische Dissense ausdrücken, und mithilfe „disruptiver Deliberation“ die Demokratie zu erneuern. blaetter.de

Demokratie durch Widerstand: Der Staatsbürger als Rebell

www.blaetter.de

Weil aber die Demokratie (auch die außerparlamentarische) als Handlangerin des Kapitals erscheint und unterschiedslos dem Gewaltsystem Staat-Kapital zugerechnet wird, wird auch jegliche Idee demokratischer Überzeugung verworfen. So verpuffen jegliche demokratischen Effekte disruptiver Momente. Das heißt nicht, dass im Ökoanarchismus intern nicht auch äußerst demokratische Interaktionsformen gepflegt werden, die aber, aufgrund des Antidemokratismus/Antietatismus lieber "Selbstorganisation" genannt werden. ingentaconnect.com Die radikale, prinzipiengeleitete, moralistische Abkehr von Staat, demokratischer Öffentlichkeit und Mehrheitsgesellschaft verunmöglicht die offene Bezugnahme, demokratische Aushandlung und womögliche Überzeugung von Menschen, die noch nicht der eigenen Meinung sind. Ohne eine Demokratisierung, Ausweitung, Radikalisierung und Transformation der Demokratie wird eine sozialökologische Transformation unmöglich sein, beide Transformationen sind Kehrseiten derselben Medaille. Im Bekennerschreiben wird behauptet: „Wir wissen, diese Worte erreichen viele Menschen nicht [...]. Wir können kilometerlang Fakten aufzählen und werden kein Gehör finden. Wir sind nicht die ersten und wir werden nicht die letzten sein, die trotzdem versuchen, Menschen mit Worten zu erreichen.“ Genau das – "Menschen mit Worten erreichen“ – versuchen solche Aktionen nicht, oder mit den völlig falschen Mitteln. Warum sollte man mit anonymen Bekennerschreiben und darin enthaltenen "Fakten" Gehör bei Menschen finden, die einem die tagelange Unbewohnbarkeit ihres Zuhauses zu verdanken haben? Menschen mit derartigen Aktionen von den eigenen legitimen Anliegen zu entfremden, trägt nicht zur Überwindung von Zerstörung und Unrecht bei, sondern zementiert Vorbehalte gegenüber der Klimabewegung und provoziert staatliche Repression. versobooks.com

Is Sabotage a Pipe Dream?

www.versobooks.com

Derartige Aktionen dienen eben gerade nicht einer "sozialen Massenbewegung gegen die weltweite Zerstörung der Lebensgrundlagen", sondern vermeiden Bewegungsaufbau, der nicht ohne demokratische Überzeugung und Organizing gelingen kann. prokla.de @buerubner.bsky.social Zwar halte ich die Behauptung, keine Menschenleben gefährden zu wollen, für glaubhaft. Der Ökoanarchismus lehnt herrschende Definitionen von Gewalt ab (z.B. Zerstörung von Objekten als Gewalt) und relativiert die "Gewalt" des eigenen Agierens an der strukturellen Gewalt der Verhältnisse. Doch obwohl Privathaushalte nicht das Ziel waren, ist es billig, im Nachhinein zu behaupten, dass "dieser Effekt [...] von uns weder beabsichtigt noch kalkuliert [war]“. Es wirkt geradezu lächerlich, die Aktion als "gemeinwohlorientiert" verkaufen zu wollen. Sind solche tiefgreifenden Eingriffe in die häusliche Sicherheit zehntausender Menschen, ob intendiert oder nicht, die in Kauf genommene Zumutung der Unbewohnbarkeit ihrer Wohnungen bei Minusgraden nicht auch als Gewalt zu verstehen? Zehntausende frierende und verunsicherte Unbeteiligte scheinen für solche Gruppen bloß verkraftbare Kollateralschäden zu sein, oder ihre unweigerlichen Verstrickungen in die imperiale Lebensweise machen sie eben zu gar nicht so Unschuldigen, die einen Denkzettel durchaus auch mal vertragen können. Öffentliche Infrastrukturen, auch solche, die wie die Energieversorgung transformiert werden müssen, sind das völlig falsche Ziel, weil „öffentlicher Luxus“ das entscheidende Gegenmodell gegen enthemmten Massenindividualkonsum darstellt, der der imperialen Lebensweise zugrundeliegt.

Ähnlich verhält es sich mit Anschlägen auf Bahninfrastrukturen, die die umweltschonendste und demokratischste Art des Reisens und des Gütertransports ermöglichen und für jegliche Zukunftsvision des Zusammenlebens in modernen Massengesellschaften unerlässlich sind. Wir brauchen die öffentliche, kollektive Bereitstellung der "Fundamentalökonomie", der Infrastrukturen des Alltagslebens, die den einzig realistischen Weg bietet, gesellschaftlichen Wohlstand auf irgendwie demokratisch akzeptanzfähigem Niveau unter Degrowth-Bedingungen zu erhalten.

Die Saboteure scheinen sich nicht für derartige Fragen zu interessieren. Wie schon vor einigen Jahren durch das "Unsichtbare Kommittee" wird ein Ende der industriellen Zivilisation herbeifabuliert, an dessen Ende letztlich nur die Rückkehr zu prämodernen Landkommunen und Lebensstilen stehen kann.

So richtig die Kritik am industriellen Kapitalismus, der imperialen Lebensweise und ihren Folgen ist, so illusorisch ist es, zu glauben, deren Ende könnte durch Sabotagen wie am 3.1 in irgendeiner Weise vorangebracht und die industrielle Moderne im globalen Norden einfach rückabgewickelt werden. Was bleibt von solchen Aktionen? Die Ahnung, dass es sich bei dieser Anwendung von Sabotage nicht um eine Strategie handelt, sondern bloß um die Markierung einer widerständigen, militanten Grundhaltung, und von Unversöhnlichkeit mit dem System. Demokratische Impulse können davon nicht ausgehen.

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