Öffentlich Namen nennen und Sicherheitsbedenken. Hier geht es natürlich um den Spiegel und um Elif #Eralp. Der Thread soll fachlich einordnen. Also: Welche Information liegt tatsächlich vor, wie ist (m)eine fachliche Einschätzung, und wie weicht das von der Debatte ab.
www.spiegel.de
Also ich schau mir kurz an, wer sind die "Threat actors", wie ist deren Modus operandus bisher, welche Reaktion kann man von denen auf die namentliche Nennung eines führenden Akteurs erwarten. Das Ergebnis kann dann jeder selbst mit dem Szenario, das jetzt durch die Medien geistert, vergleichen. Vorneweg, zwei-drei Disclaimer. 1. Ich habe für den Spiegel und einzelne Spiegeljournalisten gearbeitet. Freue mich auch weiter darauf. 2026 für deutlich weniger als 10% des Umsatzes von presseschutz.org. 2. Ich habe einen (unbeteiligten) Bezirksverband der Linken wegen rechter Bedrohung beraten.
presseschutz.org
3. Ich habe mehrfach Personenschutz für Menschen gemacht, die aus der so genannten "palästinasolidarischen" Szene bedroht wurden. Das hatte weder was mit der Linken noch mit dem Spiegel zu tun. Auch hier deutlich weniger als 10% des Umsatzes. Okay, legen wir mal los: Zum zeitlichen Verlauf (weil ich glaube, dass es extrem wichtig für die Fehler des Spiegel ist): Am Freitag morgen erscheint der Artikel in der Druckausgabe als Titelgeschichte. Redaktionsschluss dafür ist Mittwoch um 18 Uhr. Der Artikel selbst beginnt mit "Mittwochmorgen 9.46 Uhr kommt [die Mail]" Die Zeitlinie für die gesamte Recherche, das Aufschreiben, Faktenchecks, Layout, Entscheidung es auf den Titel zu setzen (und eventuell etwas anderes runterzuwerfen), Abstimmung zwischen Chefredaktion und Autoren, usw. usf. ist also etwa 8 Stunden. Wer an einer Hochschule mal 8 Stunden vor einem Vortrag angefangen hat, den vorzubereiten, der ahnt, dass das nicht perfekt ist. Mit welchem Material muss der Spiegel das machen? (Es folgt eine Liste der Zitate und der Fakten laut Artikel) A) Eralp schreibt, sie und ihr Mann habe "Angst vor diesen Leuten". "Diese Leute" behauptet der Spiegel sind Terrorsympathisanten mit Hamas-Kontakten. - diese Beschreibung trifft nur auf eine Person zu, die im Artikel auftaucht: Ibrahim Ibrahim. B) Eralp schreibt "Ich kann mich und meine Familie nicht für den Spiegel in Gefahr bringen". C) In der Stadt brennen israelische Flaggen, eine 100kg Goldmünze wird gestohlen.' D) Ein "Clanchef" (Spiegel, bitte...) und ein "bekannter Hamas-Sympathisant" tauchen auf einer Wahlparty der Linken auf. E) Eralp distanziert sich immer wieder von OK und Antisemitismus. F) Das Interview wird beschrieben und erst danach legt der Artikel offen, dass bei der Bearbeitung des Dokuments Eralps Büro, ihr Sprecher und die Landesvorsitzende der Linken in Berlin beteiligt waren. Vorher klingt das Anders: Dort ist von Eralp und ihrem Mann die Rede und kurz darauf:
Ich würde mal ganz nüchtern festhalten, dass hier am Anfang des Textes (bei mir) der Eindruck entsteht, Eralp kommuniziert verängstigt mit ihrem Mann und ihrem Pressesprecher. Die Fakten sagen: Die Büros Eralps, des Landesverbands und ihr Pressesprecher schicken das Dokument hin und her. G) Der Spiegel stellt eine Frage zu einer konkreten Person, die Antwort darauf wird komplett nicht autorisiert. Außerdem ist im Bearbeitungsmodus die gesamte Frage gestrichen und die Bearbeitung von Eralp kommentiert: "Es gibt ein PROBLEM." ... Anschließend wird das Eingangszitat hier einsortiert "[mein Mann und ich möchten nicht konkrete Namen nennen], er hat Angst vor diesen Leuten und ich auch." Der Sprecher schreibt den Hinweis "Ich kann Fragen der Journalisten nicht streichen" Sie fragt daraufhin "Was mache ich jetzt? Ich hätte dieses Interview niemals zusagen dürfen." Hier nochmal kurz direkt kommentiert, weil es nicht sicherheitsrelevant ist: insbesondere nach der Beschreibung, dass die Spiegel-Journalist*innen fast nur Antisemitismus ... thematisiert haben und nicht das politische Programm, klingt das vor allem genervt. Auch aus dem Arbeitsvorgang ergibt sich an keiner Stelle eine Forderung, die Frage zu streichen. Weiter weist Eralp auf einen Tipp vom LKA hin, niemals Namen zu nennen, den sie sich offenbar eingeprägt hat. Danach versucht sie zu verdeutlichen, was das Problem ist. Ich zitiere das nicht. Die Spiegel-Journalist*innen unterstellen in der schriftlichen Kommunikation einen "verzweifelt"en Tonfall, den ich da nicht reinlese. Danach Exkurs Harry Potter. Und angäbliche Angst vor der "Präsenz" eines Namens. Danach wird groß und breit und ohne Faktengrundlage beschrieben, wie sich die Autor*innen die Sicherheitssituation in Berlin so vorstellen. Auch das tut eigentlich nichts mehr zur Sache, eil es von der Realität abweicht und nicht auf aussagekräftigen Quellen beruht. H) Die Rolle von Ibrahim Ibrahim und des VPNK im Kontext PFLP und Hamas wird beschrieben. Auch, dass es offenbar keine Hinweise gibt, dss er Anschläge oder gewalttätige Aktionen plant oder daran beteiligt ist. I) Die Kontakte zwischen Linksparteistrukturen und der pro-palästinensischen Szene werden mEn wahrheitsgemäß dargestellt. Ebenso wahrheitsgemäß: Der Landesverband und Eralp stellen sich stets aktiv gegen diese Strukturen. (Der Spiegel nennt das "ambivalent", das ist evtl. von der Meinungsfreiheit... ...gedeckt, aber mEn nicht von den Fakten. Wichtig ist aber, welche Akteure genannt werden: LAG Palästinasolidarität, BV Neukölln, Internationalistisches Bündnis Berlin. Ich denke, das ist es mit den Fakten. Und ich denke, das lässt sich unverfälscht zusammendampfen auf: Es gibt gewaltbereite "propalästinensische" Organisationen mit Verbindungen zu den Terrorgruppen Hamas und PFLP, darunter eine namentlich genannte Einzelperson. Diese Gruppen und Personen treten als "Bündnispartner" von Parteistrukturen der Linken auf, von denen sich der Landesverband distanziert. Es gibt zudem einen ganz allgemeinen Sicherheitshinweis des LKA (den ich aber auch regelmäßig gebe), keine Personen öffentlich namentlich zu nennen. Beides kommt in einem Interview zusammen, bei dem Journalist*innen über Antisemitismus in der Linken reden wollen und Eralp nicht. Eralp möchte insbesondere nicht gegen den allgemeinen Ratschlag des LKA handeln. Sie bewertet das Interview irgendwann Kosten-Nutzen-mäßig so: "Ich hätte dieses Interview niemals zusagen dürfen." Warum empfielt das LKA das? Weil daraus der Genannte & Menschen die sich ihm*ihr sozial oder parasozial nah fühlen, eine persönliche Vendetta konstruieren. Die Kette geht so: "Eralp nennt den Namen, sie hat also persönlich etwas gegen die Person. Das darf sie aber nicht, dagegen muss man etwas tun." Der genannte selber ist laut Sicherheitsbehörden nicht an gewaltsamen Aktionsformen beteilgt. Bleiben Menschen, die sich mit ihm "solidarisieren" würden. Das sind im Grunde die im Spiegel Artikel genannten Organisationen. Die sind ziemlich groß darin, Instagram-Kacheln zu machen und Demos mit... ...wenig Zugkraft zu starten. Der harte Kern geht fast täglich mit ca. 100 Leuten auf die Straße. In Berlin mobilisierbar sind etwa 700 Leute (vgl. 7 Oktober 2026 mit 700, 2025 mit etwa 500 TN*innen). Bundesweit offenbar 5000 (Berlin 10.10.2026). Einzelne Akteure greifen in der Öffentlichkeit Personen an, die sie als jüdisch oder "zionistisch" identifizieren. Dabei kam es auch zu schweren Verletzungen. Wovor hat man also Angst bei einer Namensnennung, was muss man erwarten? Dass eine terrorverherrlichende Szene mit einem Potenzial von Berlinweit 700 Leuten, die mit täglichen Demos beschäftigt ist, irgendeine Aktion startet. Beispielweise Wohnorte Ausspäht, um dann mal dort zu demonstrieren, oder öfter mal vorbeizufahren, in der Hoffnung, da passiert was. (Hier ist die Kampagne gegen einen ehemaligen taz-Journalisten relevant: Morddrohungen mittels Plakat auf dem sein Gesicht abgedruckt war im Umfeld seiner Arbeitsstelle und in seinem Wohnumfeld. Mehrfaches "Herumlungern" im Arbeitsumfeld und grenzüberschreitendes Verhalten/Bedrohung/Beleidigung.) Das ist das, womit man rechnen muss, wenn man einen Namen öffentlich nennt. Das muss nicht eintreten, aber das ist das Aktionsniveau der Akteure, die da eine Rolle spielen. Hinzu kommt ein stochastisches Terrorrisiko: Einzelne Personen fühlen sich so angefasst, dass sie (meist allein) Anschläge... ...auf Leib und Leben planen und durchführen. Und jetzt stellt euch mal vor, ihr macht was dummes, und plötzlich müsst ihr wirklich damit rechnen, dass eure vielleicht minderjährigen Lieben, Freund*innen, Partner*innen, Familie damit konfrontiert sind. Dass ihnen plötzlich Leute hinterherschreien "Verpiss dich!" Anfangen ihnen hinterherzulaufen, sie eventuell bis nach Hause verfolgen... Sich das für Interview auflegen, bei dem ihr nicht mal über eure Themen reden konntet, ist nicht wirklich nachvollziehbar. Es geht null darum, dass Eralp einen bestimmten Namen nicht nennen wollte und da große Angst vor einer "Präsenz" des Namens ist. Es geht darum, dass die Präsenz jedes konkreten Namens immer mit dem Risiko einhergeht, sich radikalisierte Leute ans Bein zu binden. Der Artikel erweckt den Eindruck, als ginge es darum nur um das, wie Eralp auf die "Threat actors" reagiert. Tatsächlich halte ich einen Großteil von dem, was da passiert ist, für eine Reaktion des Spiegel Autor*innenteams. Der Spiegel hat meiner Meinung nach nicht über reale Gefahren berichtet, sondern vor allem ein Stück über die eigene Fantasie geschrieben. Was aber fatal ist, ist dass dadurch die öffentliche Debatte sich nur noch um diese Fantasie dreht. Die Wirkung ist schädlich für uns alle. Dieser Verantwortung sollte man sich eigentlich stellen und das Ding zurücknehmen und öffentlich machen, wie man zu dieser falschen Darstellung kam. Weil am Ende ist, gemessen an dem was wirklich passiert ist, der Spiegel hier der wesentliche Akteur. Und so rein vibes-based auf Grundlage der danach erschienenen Artikel und des Ronzheimer-Interviews, würde ich sagen, dass da Männern mal wieder ihr Geltungsdrang durchgegangen ist.
@koehlerklemens.bsky.social der Spiegel *hat* nicht Zweifel, er *sät* sie. Antilinke Beissreflexe halt, und es wundert dann auch nicht, dass sie Bedenken um Sicherheit verwursten anstelle sie mit den Leuten die sie angehen zu erörtern.
Allerletzter Gedanke hierzu: Mit total positiver Auslegung ist bei denen Mittwoch geegn 10 diese Mail reingeklatscht, sie halten das in der ersten Auswertung für total wichtig, sie überzeugen den Chefredakteur, der hebt es auf den Titel. Es ist jetzt 13 Uhr. Keine Zeit mehr, nachzudenken, das... ...Ding muss bis 18 Uhr fertig sein! Und hinterher stellt sich der Chefredakteur vor seine Leute. Sagt: Ja, wir haben das für wichtig gehalten, deswegen steht es da oben. Ich hab das durchgewunken und verantworte das und steh dahinter. Aber dann sollte er auch die Verantwortung übernehmen.