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Florentine Dömges
Florentine Dömges

Die AfD kann in Umfragen von 20 auf 30 Prozent steigen, ohne einen einzigen zusätzlichen Wähler zu gewinnen. Das klingt absurd. Es ist der blinde Fleck unserer Sonntagsumfragen – und einer der Gründe, warum CDU und SPD sich selbst zerstören. 🧵 Das Rechenbeispiel ist simpel: 20 AfD-Wähler unter 100 Wählern sind 20 Prozent. Bleiben 33 Wähler anderer Parteien zu Hause, werden aus denselben 20 AfD-Wählern plötzlich 30 Prozent. In den üblichen Umfragegrafiken verschwinden Nichtwähler aus dem Bild. Die übrigen Stimmen werden wieder auf 100 Prozent hochgerechnet. So sieht die Demobilisierung der anderen Parteien aus wie ein Wachstum der AfD. Niemand weiß heute, wen die Nichtwähler 2029 wählen werden. Genau deshalb ist das Rennen offen. Kampagnen, Kandidaten, Themen und taktisches Wählen können verändern, wer überhaupt zur Wahl geht. Trotzdem lesen CDU und SPD die Umfragen immer gleich: Die AfD steigt. Also wollen die Leute rechte Politik. Also müssen wir rechter werden, um sie zurückzugewinnen. Die SPD gibt ihr soziales Profil auf. Die CDU stößt bürgerlich-liberale und stabilitätsorientierte Wähler ab. Beide schielen auf die Wählerschaft der AfD und vernachlässigen ihre eigene. Damit erzeugen sie asymmetrische Demobilisierung: Die AfD-Wählerschaft bleibt wütend und mobilisiert. Andere Menschen sehen immer weniger Grund, SPD oder CDU zu wählen – und bleiben zu Hause. Der AfD-Anteil steigt weiter. Dann gilt dieser Anstieg als Beweis, dass der Rechtskurs noch nicht weit genug gegangen sei. Die falsche Deutung erzeugt einen Teil der Realität, mit der sie sich später rechtfertigt. Diese Lesart wird gepflegt, weil sie politisch nützlich ist. Sozialkürzungen, Migrationskampf und autoritäre Verschärfungen lassen sich als Reaktion auf den „Volkswillen“ verkaufen. Davon profitieren Parteirechte, Wirtschaftsverbände und rechte Medien – vom Seeheimer Kreis und Wirtschaftsrat bis zu INSM, Springer und Nius. Verteilungspolitik gefährdet ihre Interessen. Kulturkampf schützt sie. So wird aus einer offenen Wahl eine angeblich unausweichliche AfD-Zukunft gemacht. Das lähmt ihre Gegner, normalisiert ihre Positionen und räumt ihr immer mehr politisches Gelände frei. Die nichtfaschistischen Parteien müssen ihre eigene mögliche Mehrheit wieder vertreten und mobilisieren. Umfragen sind keine Prophezeiungen. Wer sie als Schicksal liest, macht sie zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

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